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Radio Quer ´99 - Rückblick von Aglaja Beyes-Corleis

Noch ein Rückblick

Zwölf Tage lang sendete Radio Quer vom 13. bis 24. Mai 1999 Tag und Nacht. "Das schaffen wir nie", befürchteten noch wenige Wochen vor Sendestart einige Radiomacher der ersten Stunde. Um so mehr sind die Aktiven der Medieninitiative Mainz/Wiesbaden Radio Quer e.V. vom Erfolg des ersten Veranstaltungsradios überrascht. Über drei Veranstaltungen, der Mainzer Minipressen-Messe, der ASTA-Woche "Politikwechsel?" und dem Open Ohr Festival berichtete ein ständig wechselndes Team live vom Veranstaltungsort. Beiträge von Vereinen und Bürgerinitiativen erfüllten das Ziel, Gegenöffentlichkeit zu schaffen und ein interkulturelles Programm zusammenzustellen, mit Leben.

Nicht alles lief wie geölt in diesen zwölf Tagen. Mindestens die Hälfte der Mitwirkenden kannten sich vor Beginn des Veranstaltungsradios gar nicht oder wenig, und kamen mit ganz unterschiedlichen Motiven zum Radio-
machen. Da stand bei vielen einfach die Freude am Radiomachen im Mittelpunkt der Motivation, der Reiz, live in den Äther zu sprechen, der Spaß am schnellen Frage-und-Antwort-Spiel bei Live-Interviews. Anderen ging es um wichtige politische Anliegen, wie dem Krieg im Kosovo oder das Schicksal von Flüchtlingen bei uns. Und noch eine große Gruppe meinte, daß das eine das andere nicht ausschließe.

Das gemeinsame Ziel, freies Radio zu machen, ließ das bunte Trüppchen von Radiomachern immer wieder an einem Sprang ziehen. Dabei wurde weder alles unter einen Hut gebracht, noch Gegensätze unter den Teppich gekehrt. Kein Wunder, daß bei dem Treffen am 31. Mai in Mainz, als Resümee gezogen wurde, vor allem die Nachrichtensendungen ins Feuer der Kritik gerieten. Sie seien nicht nur furchtbar unprofessionell vorgetragen worden. Schlimmer noch: Es sei für ein freies Radio unmöglich, kritiklos AP-Meldungen zu übernehmen und sich sogar ungeprüft einer Terminologie der Amerikaner und der NATO anzupassen, wurde bemängelt. Wie könne man bloß die UCK im Kosovo als "Befreiungsarmee" titulieren? Und was sei überhaupt eine Nachricht? Etwas, das über den Ticker kommt, oder etwas selbst Recherchiertes und Durchdachtes? Und wann wird letzteres zum Kommentar? Paßt es dann noch oder gerade in die Nachrichtensendung eines freien Radios? Bei all diesen ganz wichtigen Fragen bleibt festzustellen: Radio Quer wagte sich überhaupt an die besonders schwierige Aufgabe, mehrmals täglich Nachrichten zu senden. Viele andere freie Radios schrecken davor zurück. Doch gerade dieser Streit zeigt deutlich, daß es Radio Quer mit der Binnenpluralität, die man in den Statuten verankert hat, ernst ist. Auch das Versprechen, gegenüber weiteren Interessierten offen zu sein und sich zur Heterogenität der Mitglieder zu bekennen, wurde die ganze Zeit über eingelöst. "Wir sind grundverschieden und die besten Kumpels", verrät einer der alten und neuen Hasen und erzählt, daß er mit seiner "radikaldemokratischen Haltung" bei einem anderen lokalen Radio-
sender gar nicht gut gelandet sei. Bei Radio Quer würde er akzeptiert. So zeigt sich in gemütlicher Runde, daß das Spektrum hier tatsächlich von CDU- bis zu PDS-Wählern reicht. "Schreib' das nicht", werd' ich gewarnt. "Wen man wählt, sagt gar nichts aus. Oder man könnte am Ende denken, wir seien unpolitisch." Nein, unpolitisch ist dieses Radio ganz und gar nicht. Aber es ist tolerant.

"Wir hoffen ein gutes und queres Programm zu machen", hieß es im Veranstaltungsprogramm. Wirklich gut waren zahlreiche der politischen, vorproduzierten Beiträge, wie die Antikriegssendung über den Kosovo-Krieg, die Sendung IGEL, bei der auch schon Vorschulknirpse ins Mikro sprechen durften, der Beitrag über den Buchladen Cardabela, die Beiträge über das Menschenrecht auf Asyl, um nur einige aus dem Riesenspektrum der Sendungen zu nennen, sowie viele der an die hundert Live-Interviews rund um die Veranstaltungen. Professionell wurde das Radio durch die Handvoll engagierter Leute, die sich in Technik fit gemacht hatten, unter ihnen Joop am Mischpult, Ede und Ferdinand im Studio. Nacht für Nacht hatten verschiedene DJs ihre große Stunde. Die vielen "Radio-Journalisten" mit und ohne vorherige Hörfunkerfahrung aufzuzählen ginge zu weit. Eines sei verraten: Der jüngste Radiomacher, der sich alleine an ein mehrminütiges Live-Interview wagte, war elf Jahre jung. Was andere als Mangel ansehen könnten, wurde hier zum Vorteil umgemünzt: Etwas zu wagen, ad-hoc zu entschieden, und vor allem: etwas zu lernen, indem man es einfach macht. Funkmikrophone wären wünschenswert gewesen. Ihr Fehlen verhinderte Live-Mitschnitte im Lese-Bus bei der Minipressen-Messe. Mehr Leute, die Beiträge schneiden können, wären auch schön gewesen. Doch gerade das Fehlen all dieser optimalen Bedingungen führte dazu, daß Leute spontan dazustießen, ihre Mithilfe anboten, staunten, wie das alles läuft und sich manchmal mehr zutrauten, als sie zuvor selbst für möglich hielten.

Zehn Jahre ist es her, daß Pierre Albertini, Doris David und weitere Initiatoren die Medieninitiative Radio Quer e.V. gründeten. Die Rückschläge der letzten Jahre, das ewige Warten auf die nichtgewährte Sendefrequenz hatten in der Zwischenzeit viele entmutigt. Die zwölf Tage Veranstaltungs-
radio haben neuen Elan und Hoffnung geweckt. Bleibt zu hoffen, daß Radio Quer nach seinem tollen und queren Erfolg jetzt eine Sendefrequenz gewährt wird.

[ Aglaja Beyes-Corleis ]

 
 
     
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