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Radio
Quer auf UKW 106.6 on air - Rückblick
Endlich
konnte sich der alternative Radioverein mit einem Veranstaltungs-
radio vom 13. bis 24. Mai 1999 in einem Rund-um-die-Uhr-Programm
einmal unter Beweis stellen. Die Veranstaltungen der
Minipressenmesse, der ASTA-Woche zum Thema "Politikwechsel?"
sowie das Open Ohr-Festival bildeten den inhaftlichen
und gestalterischen Rahmen. Angesichts der spannenden,
experimentellen Sendeperspektive wuchs der harte Kern
des jahrelang vom Äther ausgesperrten Radio Quer-Vereins
noch kurz vor dem Sendestart zu einer unerwartet großen
Gruppe von MacherInnen an. Deren Motive für die Mitarbeit
im Radio waren sehr unterschiedlich, was sich dementsprechend
in einem äußerst bunten Programm niederschlug - gemessen
am Anspruch der Gegenöffentlichkeit vielleicht etwas
zu heterogen (?). Mit einer Vielfalt an Musik, kulturellen
und politischen Beiträgen konnten die - garantiert nuklearfrei
ausstrahlenden - "Radioaktiven" ihren Hörerlnnen
aber über diese zwölf Tage hinweg eine Abwechslung zum
gewohnten Programm der etablierten Sender bieten.
Ermöglicht
wurde dieser Sendeversuch überhaupt erst durch das großzügige
Überlassen von Räumen, Verleihen von Geräten und Tonträgern
aus Privatbeständen weniger Mitglieder sowie befreundeter
Radiovereine, der Kooperation mit der Heinrich- Böll-Stiftung
und durch das wertvolle Know-How der Technik-Freaks
beim 'Querfunk'.
Das
Musikprogramm bei Radio Quer lieferte ausgewählte, auch
unterrepräsentierte Stilrichtungen, jedenfalls kaum
am vielbeschworenen "Massengeschmack" orientiert.
Immerhin konnte auch das Open Ohr-Festival in der ganzen
Stadt auf UKW 106.6 mitverfolgt werden!
In
vorproduzierten Sendungen haben viele Mainzer politische
Gruppen mal ganz anders und ausführlicher als sonst
sich und ihre Arbeit darstellen können. Auch unterdrückte
Informationen fanden hier ihren Platz, wie z.B. Beiträge
des Kurdistan-Bündnisses, dem angemeldete Infostände
vom Mainzer Ordnungsamt verboten worden waren. Täglich
bekam das Viet Radio, eine Menschenrechts-Initiative
vietnamesischer Flüchtlinge, eine feste Sendezeit.
Hörspiele,
Reportagen, Lesungen, Features .... den gestalterischen
Ausdrucksmitteln waren keine Grenzen gesetzt - ohne
die bei den etablierten Sendern üblichen Rücksichten
auf Einschalt-Quoten und "Massengeschmack".
Außer in den werbefreien Spartenprogrammen dürfen dort
Wortbeiträge nämlich in der Regel nicht mehr als 2 -
3 Minuten dauern.
Wie
eine Epidemie brach ein regelrechtes "Radiofieber"
unter den ModeratorInnen im Studio aus. Der laufende
Sendebetrieb, der ungewohnte Umgang mit den vielen technischen
Geräten sowie der Wunsch, den Hörerinnen ein interessantes
Programm zu gestalten hat zwar eine ordentliche Portion
Engagement abverlangt, der Spaß am Senden war jedoch
- trotz Pleiten Pech und Pannen - nicht zu bremsen.
Genauso engagiert machten Querfunkerlnnen, die z. T.
das erste Mal ein Mikro in der Hand hielten, spontane
Interviews, Berichte und Reportagen bei Live-Schaltungen
zu den drei Veranstaltungsthemen; diese können im Rückblick
sogar mit zu den ausgewählten "Highlights"
gezählt werden!
Während
des laufenden Sendebetriebs und trotz der ganzen Hektik
entwickelte sich unter den Beteiligten ein Gruppenprozeß,
der zu konstruktiver und effektiver Zusammenarbeit führte.
Das schließt auch ernste Diskussionen über Sendeinhalte,
vor allem die Nachrichten sowie das Nachrichtenmagazin
"Querschnitt" nicht aus, die ebenfalls bei
bei einigen HörerInnen auf Kritik stießen. Die ausdrückliche
Bevorzugung von Meldungen etablierter Nachrichtenagenturen
gegenüber solchen aus der eigenen Programm Anbietergemeinschaft
nach "Gutdünken" des gerade "amtierenden"
Moderators hat die jeweiligen AutorInnen ziemlich frustiert.
Auch wurden lokale Nachrichten zu wenig recherchiert,
doch dafür hätte die "Querschnitt"-Redaktion
mehr Leute gebraucht. Leider passierten auch einige
Pannen beim Ausstrahlen der von lnitiativgruppen eingereichten
Sendebeiträge, z.B. versehentliche Unterbrechung oder
Abbruch einer Sendung bzw. Verschiebung im Programm.
Radio
Quer wird sich messen lassen müssen am Anspruch der
Idee Freien Radios, der es sich als Mitglied des Bundesverbandes
sowie des Weltverbandes
Freier Radios verpflichtet hat. Inhaltlich und strukturell
stellte sich Radio Quer zwar schon weit homogener dar
als z.B. ein offener Kanal, in dem Sendebeiträge nach
dem Schlangenprinzip aneinandergereiht werden. Um die
Gefahr einer undefinierten Beliebigkeit im Radio auszuschließen,
etwa einem unvermittelten Nebeneinander widersprüchlicher
Aussagen, sollten Austausch und Information unter den
"Radioaktiven" über die weltweite Idee der
Freien Radios nicht vernachlässigt werden; auch die
von der Mitgliederversammlung festgelegte inhaltlich-redaktionelle
Ausrichung des Radiovereins dient konkret als Orientierungshilfe
für Moderationen, Kommentare und Sendebeiträge.
Radio
Quer ist leider nicht mehr "on air' - jetzt gehts
darum, eine dauerhafte Sendeerlaubnis zu erkämpfen.
Inzwischen bleibt Zeit zur Reflektion und Diskussion
über die gerade gemachten Erfahrungen im Aufwind eines
gestärkten kollektiven "Sendebewußtseins".
[
Wilfried ]
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